Das Werden und Wachsen einer Industriegemeinde
in unserer Zeit geschieht meist so blitzartig schnell, daß in einigen
Jahren eine Fülle von Ereignissen zusammendrängt, die vielleicht
für eine lange Folgezeit von geschichtlicher Bedeutung werden können.
Die Kirchengemeinde Scharnhorst ist eine solche Industriegemeinde. Nordöstlich
von Dortmund, in nördlicher Richtung hinter den Kirchengemeinden Brackel
und Wambel fanden sich nunmehr vor 11 Jahren einige wenige Arbeiterhäuser
und einzeln zerstreute kleine Gehöfte gleichsam herumgelagert um Trümmer
einer alten Zeche, die früher hier abgeteuft, später aber versoffen
war. Nun begann die Harpener Bergbau Aktiengesellschaft zu Dortmund, deren
Eigentum die Grubenfelder der Zeche Scharnhorst sind, im Jahre 1897 aufs
neue mit dem Abteufen der Zeche. Schnell erstanden die Verwaltungsgebäude
und zu gleicher Zeit auch eine neue Kolonie mit Beamten- und Arbeiterhäusern
im sogenannten Wambeler-Holz. Gleichzeitig wurden verschiedene Geschäftshäuser,
eine achtklassige Schule auch im Wambeler Holz gebaut, zur Hälfte
katholisch zur Hälfte evangelisch und an die zugehörigen Kirchengemeinden
St.Reinoldi und Brackel trat die Notwendigkeit heran, auch kirchlich für
die dort angesiedelten rund 1900 Evangelischen etwas zu tun. Nachdem zunächst
die zuständigen Pfarrer Schmidt Dortmund und Pfarrer Bräker Brackel
einige Zeit besondere Gottesdienste abgehalten hatten, sah man doch bald,
daß auf die Dauer eine derartige Versorgung nicht möglich sein
würde und Verhandlungen begannen die schließlich zur Gründung
der Kirchengemeinde Scharnhorst geführt haben. Die weitere Entwicklung
der Vorgeschichte wird am besten gekennzeichnet durch vollständige
Wiedergabe des Aktenstücks das in den Grundstein der in Scharnhorst
erbauten Kirche eingemauert ist.
"Am heutigen Tage, dem 18. Juni im Jahre 1911 nach der Geburt unseres Herrn Heilandes Jesus Christi, 40 Jahre nach der Wiederaufrichtung des deutschen Reiches und im 23ten Jahre der gesegneten Regierung Kaiser Wilhelm des II, wurde der Grundstein zu diesem Kirchenbau gelegt. Nachdem auf Veranlassung der St.Reinoldi Gemeinde zu Dortmund und mit bereitwilliger Unterstützung der Harpener Bergbau-Aktiengsellschaft zu Dortmund eine selbständige seelsorgerliche Bedienung der Evangelischen des Wambelerholzes und der nördlich der Köln-Mindener Bahn gelegenen Spleißstücks der Kirchengemeinde Brackel beschlossen und vom Königlichen Konsistorium zu Münster genehmigt war, wurde am 1. Oktober 1903 der im Dienste der kirchlichen Gemeindepflege stehende Hilfsprediger Carl Fritsch durch das königliche Konsistorium nach hier versetzt und übernahm die Bedienung des Bezirks nach fester Instruktion als Hilfsprediger der St. Reinoldi Gemeinde zu Dortmund.
Die Gottesdienste und Amtshandlungen sowie auch die Bibelstunden wurden zunächst in einem Klassenzimmer der Wambeler Holzschule gehalten bis am 23. ten Sonntag nach Trin. 1904 von der Harpener Bergbau-Aktien Gesellschaft erbauten Kleinkinderschule angesiedelt werden konnte, darin Hauptsaal seit dem der Gemeinde als gottesdienstliches Lokal dient. Bereits im Monat November 1903 war ein Kirchenbauverein gegründet worden, mit der Aufgabe, für die Gründung einer selbständigen Kirchengemeinde, bzw. einem selbständigen Pfarrbezirk von St.Reinoldi sowie für die Erbauung und Pfarrhaus tätig zu sein. Nachdem die Gründung eines eigenen Pfarrbezirkes mit Kirche und Pfarrhaus bald von der St. Reinoldi-gemeinde abgelehnt war, tat der Verein die ersten Schritte zur Bildung einer eigenen Kirchengemeinde, indem er 3 Delegierte nach Münster entsandte , die dem Königlichen Konsistorium die Bitte der Evangelischen persönlich vortragen sollten. Das königliche Konsistorium hat infolgedessen mit allen beteiligten Instanzen verhandelt, auf einer Hausväterversammlung die Zustimmung der Mehrzahl der Evangelischen erhalten. Mit Splißteilen von Brackel und Wambel vereinigt sich in dem Vertrag (der) auf der südlich der Gronau-Emscher Eisenbahn gelegenen Splißteil der Kirchengemeinde Kirchderne. Am 1. Mai 1907 wurde dann durch Erlaß des Königlichen Konsistoriums zu Münster und der Königlichen Regierung zu Arnsberg der Gründung der evangelischen Kirchengemeinde Scharnhorst vollzogen mit der Bestimmung, daß die Grenze der Gemeinde im Süden durch die Köln-Mindener Eisenbahn, im Norden durch die Gronau-Emscher Eisenbahn und im übrigen durch die Grenzen der politischen Gemeinden Brackel und Wambel gebildet werden sollten. Nach Wahl und Bildung der kirchlichen Körperschaften wurde am 18. August 1907 der Hilfsprediger Fritsch zum Pfarrer der Gemeinde gewählt. Bereits am 27. Oktober 1907 wurde der erste Baubeschluß bezüglich Erbauung einer Kirche und eines Pfarrhauses gefaßt und für die Vorarbeiten eine Baukommission gebildet,bestehend aus dem ganzen Presbyterium und vier Repräsentanten. Am 1. Mai 1909 wurde der von der Harpener Bergbau Aktiengesellschaft geschenkweise angebotene Kirchbauplatz im sogenannten Ochsenkamp, politisch Gemeinde Kirchderne Flur VII No 587/61 von der größeren Vertretung angenommen und am 14. Mai 1908 wurde die Ausführung der kirchlichen Bauten dem Architekten Heinrich Hutze, Porta Westfalica übertragen. Nach längeren Verhandlungen wurden am 22. Juni 1909 die endgültigen Baubeschlüsse von der größeren Vertretung gefaßt auf Grund der von dem Architekten Hutze vorgelegten Zeichnungen und Entwürfe. Durch Erlaß des Herrn Minister für geistliche Angelegenheiten vom 16. Juli 1910 wurde der Kirchbau genehmigt. Nach eingeholter Genehmigung der örtlichen Behörden wurden die Arbeiten für den Bau ausgeschrieben und am 30. März 1911 mit dem Ausschachten begonnen. Die Kosten für den Bau sind auf 90000 MK veranschlagt. Dazu leistet die Harpener Bergbau Aktiengesellschaft einen Zuschuß von 25000 MK und die Hälfte der Kosten für das Betonfundament von ca. 5000 MK, der Staat 12000 MK, der Rest wird durch Kirchen- und Hauskollekten und Anleihen gedeckt. Außerdem hat die Muttergemeinde St. Reinoldi 10.000 Mk zur reicheren Innenausstatung geschenkt. Die Kirche ist als Langhausbau gebaut mit angedeutetem Querbau für eine spätere Erweiterung und octogonischen Chorschluß. Der Glockenturm ist von der Kirche etwas abgerückt um die Fundamente zu trennen.
Die äußere Länge der Kirche mit dem Turm beträgt in den Kernmaßen 36,45 Meter.
Für die Empore ist ein Treppenturm angebaut. Der Altarraum ist unterkellert für die Heizungsanlage und mit besonderm Zugang von Außen versehen. Für die Kirche sind 500 Sitzplätze angenommen, von denen sich 80 auf der Orgelempore befinden.
Die Ausführung der Erd und Betonierungs und Maurerarbeiten ist dem Baugeschäft August Weber aus Dortmund, die Werksteinbelieferungen Otto Schanlau in Hardegen bei Göttingen und die Zimmerarbeiten Landwehr und Co. übertragen.
Der allmächtige Gott aber wolle den Bau und die Bauenden in seinen Schutz nehmen und segnen.
Er wolle die ganze Gemeinde je mehr und mehr gründen auf den einzigen Fels des Heils, Jesus Christus: Er wolle alles was wir beginnen und vollenden gereichen lassen zu seines Namens Ehre ! Amen ! "
Das Presbyterium und die Baukommission.
Für die Gemeindegründung wurden
folgende Kapitalien gestiftet bzw. zugesagt:
1. von der Reinoldi Gemeinde, Abfindungssumme
40000 Mk
2. vom evangelischen Oberkirchenrat aus
dem Hilfsfond für landeskirchliche Zwecke 12500 Mk
3. vom Kultusministerium aus Staatfonds
12500 MK
4. Aus dem provinzialkirchlichen Gemeinde
und Pfarrstellen Gründungsfonds 10000 Mk
5. von der Harpener Bergbau Aktiengesellschaft
a) zunächst auf
10 Jahre Beitrag zum Pfarrgehalt jährlich 2000 MK
b) Beihilfe für
den Kirchbau 25000 Mk
c) Geschenk des Kirchbauplatzes
6) Der evangelische Kirchbauverein hat
bis zur Gemeindegründung (1. Mai 1907) mit großer Treue für
die liturgischen Nebenausgaben, für Küster und Organisten etc.
zig Mark (gesammelt), außerdem aber ein kleines Kapital gesammelt
zur Ausschmückung der Kirche in Höhe vom 1362,90 Mk und hat selbst
die seit dem 1. Mai 1907 geführten Kirchenbücher gestiftet.
Nach Gründung der Kirchengemeinde
wurde unter dem Vorsitz des Herrn Superintendenten Schacht am 7. Mai 1907
die erste Repräsentation gewählt bestehend aus den Herren:
| 1.Polzin Karl, Betriebsführer | 13.Kacinski Johann ,Bergmann |
| 2.Weirich Christian ,Metzgermeister | 14.Albert Fritz ,Gastwirt |
| 3.Ciebrowius Gottfried, Bergmann | 15.Bosselmann Wilh ,Wettersteiger |
| 4.Rauscheck August ,Bergmann | 16.Hölz Peter ,Oberaufseher |
| 5.Freimuth Wilhelm, Schmiedemeister | 17.Hausberg Friedrich ,Schuhmacher |
| 6.Salzmann Heinrich, Waschmeister | 18 Schimmel Konrad ,Bergmann |
| 7.Adomat Albert ,Schmied | 19.Biermann Herrmann ,Kaufmann |
| 8.Schwentzeck Samuel, Bergmann | 20.Biermann Adolf ,Landwirt |
| 9.Müller Herrmann ,Betriebsinspektor | 21.Runkel August ,Bergmann |
| 10.Cramer Ewald ,Steiger | 22.Schulte Wilhelm ,Stallmeister |
| 11.Daubenspeck Waldemar ,Steiger | 23.Bentmann Gustav ,Bäckermeister |
| 12.Reinecke Karl ,Schichtmeister | 24. Jörgens Otto ,Kaufmann |
Am 20 Mai 1907 wurde unter dem Vorsitz des Pfarrverwesers Fritsch die Wahl des ersten Presbyteriums getätigt.
Es wurden gewählt:
| 1. Müller Herrmann, Betriebsinspektor
als 1. Kirchenältester |
4. Biermann Adolf, Landwirt als 2. Kirchmeister |
| 2. Polzin Karl, Betriebsführer
als 2. Kirchenältester |
5. Cramer Ewald, Steiger als 1. Diakon |
| 3. Hölz Peter, Oberaufseher als 1. Kirchmeister | 6. Runkel August, Bergmann als 2. Diakon |
Über die weitern Daten der Gemeindegeschichte
bis zum 18. Juni 1911 gibt ja die vorangestellte Urkunde genügend
Auskunft.
Ende Juni 1911 wurde das Pfarrhaus durch
den Pfarrer bezogen, der bis dahin 7 Jahre hindurch den Seitenflügel
eines Beamtenhauses bewohnt hatte, der ihm von der Harpener Bergbau Aktiengesellschaft
zuvorkommend gegen geringe Miete zur Verfügung gestellt worden war.
Der angebaute Konfirmandensaal dient inzwischen dem evangelischen Jünglings
und Männerverein als Heim. Das Pfarrhaus ist in der Hauptsache durch
die Firma Landwehr und Co Wambel erbaut worden. Die Dachdeckerarbeiten
waren dem Dachdeckermeister Kranberg in Brackel , die Klempnerarbeiten
dem Klempnermeister Waibel in Brackel, die Zimmerarbeiten der Firma Stute
und Franzmeier Minden-Barkhausen und die Anstreicherarbeiten dem Anstreichermeister
Webelsiek Scharnhorst übertragen.
Scharnhorst, dem 29. Dezember 1913
gez. Fritsch, Pfarrer
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